Technische Universität Wien
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2010-02-23 [

Bettina Neunteufl

 | Gudrun Weinwurm | Presseaussendung 11/2010 ]

TU Wien-ExpertInnen kritisieren Klimagipfel

6 WissenschafterInnen des Forschungsschwerpunktes „Energie und Umwelt“ an der Technischen Universität (TU) Wien bringen sich aktiv in die Klimadiskussion ein . Kritik am „Copenhagen Accord“ und Statements aus verschiedenen Disziplinen zeigen neue Perspektiven auf.

Logo Forschungszentrum Energie und Umwelt

Nebojsa Nakicenovic

Wolfgang Wagner

Hermann Hofbauer

Helmut Rechberger

Karin Stieldorf

Gerhard Hanappi

Die vorhandene vielfältige technologische und wissenschaftliche Kompetenz der TU-ExpertInnen wird für die Beantwortung von gesellschaftlichen Fragen und komplexen Forschungsaufgaben zum Thema Energie und Umwelt im TU-Forschungsschwerpunkt „Energie und Umwelt“ gebündelt und mit der systematischen Breite einer interdisziplinären Projektorientierung erweitert. Dadurch kann die TU Wien erstmals fakultätsübergreifende ganzheitliche Ansätze und Lösungen anbieten, neue Maßstäbe in Forschung und Lehre durch Bezug auf aktuelle lokale und globale Problemstellungen setzen und die Erforschung und Entwicklung alternativer Technologien vorantreiben.

„Wir untersuchen die globalen, europäischen und österreichischen Transformationsprozesse die notwendig sind, Nachhaltigkeits- und Klimaschutzziele erreichen zu können.“

Nebojsa Nakicenovic, Professor für Energiewirtschaft der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik und Mitglied der "Advisory Group on Energy" der UNO sowie des wissenschaftlichen Beirates „Globale Umweltveränderungen“ der deutschen Bundesregierung, beschäftigt sich vor allem mit technischen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen des Klimawandels: „Die Erwartungen an die Kopenhagen Verhandlungen waren zweifellos zu hoch gestellt. Nichtsdestotrotz, das unverbindliche Abkommen ist anspruchsvoll hinsichtlich des maximal akzeptierten Temperaturanstiegs, von zwei Grad Celsius. Zum ersten Mal wurde dadurch die von WissenschafterInnen schon lange geforderte Begrenzung des Temperaturanstiegs international auf politischer Ebene bestätigt. Dies ist bedeutsam, weil eine Begrenzung auf 2°C impliziert, die zukünftigen, globalen Treibhausgasemissionen auf weniger als 1.000 Gigatonnen CO2-Äquivalent zu beschränken. Zufällig entspricht diese Menge jener der historischen Emissionen seit dem Anfang der Industriellen Revolution. Dadurch kann das unverbindliche Kopenhagen Abkommen einen sehr hohen symbolischen Wert bekommen. Die Implikationen für die Industrieländer wie Österreich sind sehr klar und folgenreich – Emissionsreduktion von etwa 95 Prozent bis 2050 verglichen mit den Niveaus der 1990er. Für Österreich stellen solche Ziele eine außergewöhnliche Herausforderung dar. Unsere Gruppe an der TU Wien untersucht die globalen, europäischen und österreichischen Transformationsprozesse die notwendig sind, solche Nachhaltigkeits- und Klimaschutzziele erreichen zu können.“
 

„Es gibt große Unsicherheiten bei der Treibhausgasbilanzierung.“

Aus Sicht der Fakultät für Mathematik und Geoinformation kommentiert Wolfgang Wagner, Professor für Erdbeobachtung, die Situation folgendermaßen: „Die meisten Staaten melden, dass sie die Kyoto Ziele erfüllen werden. Leider gibt es solche großen Unsicherheiten bei der Treibhausgasbilanzierung, dass dies aus wissenschaftlicher Sicht weder bestätigt noch falsifiziert werden kann. Es gibt auch bemerkenswerterweise keine unabhängige Behörde, die die Kyoto-Berichte anhand eigener Daten und Modelle überprüft.“ Im Hinblick auf die Auswirkungen für jede/n Einzelne/n meint Wagner: „Wahrscheinlich werden die Rohstoffpreise nach der Bewältigung der aktuellen Wirtschaftskrise wieder kräftig steigen. Dieses ‚Preissignal‘ wird vermutlich mehr Leute zum Umdenken bewegen, als weitere Klimakonferenzen. Auf jeden Fall wird die Erdbobachtung in den kommenden Jahren eine entscheidende Rolle beim Monitoring der Umweltveränderungen spielen, unter aktiver Beteiligung der ForscherInnen an der TU Wien.“

„Nullemission als mittelfristiges Ziel“

Befragt nach den Auswirkungen der Kopenhagen-Konferenz auf die Forschung, erklärt Professor Hermann Hofbauer, Fakultät für Technische Chemie: “Da in Kopenhagen äußerst langfristige Ziele (Temperaturanstieg maximal 2 °C bis 2050) formuliert wurden, wird dies wahrscheinlich keine wesentlichen Auswirkungen auf die Forschungsaktivitäten an der TU Wien haben. Dazu würden kurzfristigere Ziele erforderlich sein. Dass mit diesem langfristigen Ziel, allerdings indirekt, auch resolute Reduktionsziele in Bezug auf Treibhausgase verbunden sind, wird derzeit sicherlich nur von ExpertInnen und nicht von der breiten bzw. politischen Öffentlichkeit wahrgenommen. In den verschiedensten Bereichen der TU Wien wird schon in der Vergangenheit, heute und auch in Zukunft an einer „Zukunftsfähigen Energietechnik“ gearbeitet. Dafür wird in einer breiten Palette an Projekte, vielfach mit internationaler und europäischer Dimension, aber auch in nationalen Projekten gearbeitet. Neben der klassischen Kraftwerkstechnik, wo die Nullemission als mittelfristiges Ziel verfolgt wird, spielen alle Formen der erneuerbaren Energie eine zentrale Rolle an der TU Wien.“
 

„Der Einsatz der Methode würde eine substantielle Erhöhung der Genauigkeit von Treibhausgasbilanzen der Abfallwirtschaft ermöglichen.“

Helmut Rechberger, Verfahrenstechniker und Professor für Ressourcenmanagement kritisiert: “Wir haben kostengünstige Methoden entwickelt, mit denen die treibhausneutralen Emissionen von Müllverbrennungsanlagen und Ersatzbrennstoffwerken sehr genau bestimmt werden können. Die Nachfrage nach derartigen Methoden besteht, leider wird der Einsatz unserer Methode von den diversen nationalen Behörden auf Grund ihrer Komplexität nicht unterstützt bzw. durch ungerechtfertigte CO2- Bilanzierungsannahmen unterlaufen.“

„Ursache und Wirkung des Klimawandels sind noch immer nicht auseichend transparent dargestellt.“

Karin Stieldorf, Expertin am Institut für Architektur und Entwerfen, meint dass „Zweifel am Klimawandel weiter (bewusst oder unbewusst) aufrecht erhalten werden. Sie werden gerne angeführt, wenn es um für alle verpflichtend notwendige Verhaltensänderungen geht, z.B. im Verkehr. Der Gebäudesektor aber hat einen hohen Anteil am Energieverbrauch, höher noch als Verkehr oder Industrie. Hier kann Forschung viel bewirken: die Hülle muss so gut ausgeführt sein, dass nur sehr wenig Energie zur Temperierung nötig wird, und darüber hinaus wie ein kleines Kraftwerk konzipiert sein, damit auch Warmwasser, Licht und Strom für Geräte zur Verfügung steht. Im besten Fall sogar der Strom für das Laden der Akkus von Autos und Rädern zur Verfügung gestellt werden kann. Wir arbeiten aktuell an Planungstools, die den breiteren Einsatz von Plusenergie-Gebäuden unterstützen.“

„Kein Grund zu Euphorie oder Enttäuschung, nur ein kleiner erster Schritt.“

Gerhard Hanappi, Wirtschaftsmathematiker und Inhaber des Jean Monnet Chair for Political Economy of European Integration, erklärt: „Der Erfolg der Klimakonferenz in Kopenhagen besteht einzig darin nochmals in vielen Medien auf die Dringlichkeit des Themas aufmerksam gemacht zu haben. Darüber enttäuscht zu sein, dass die politisch-ökonomischen Kräfte während der sich momentan nachhaltig ausbreitenden globalen Wirtschaftskrise nicht stärker für das Thema bindend engagieren wollen, zeugt zwar von ehrenhaftem Weitblick – aber auch von ein wenig Naivität. Für eine technische Universität hat aber die erzeugte mediale Aufmerksamkeit den erfreulichen Nebenaspekt, dass die Frage technischer Machbarkeit wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wird. Hier gilt es – auch mit unserer PR - nachzustoßen und an der Erarbeitung und Präsentation realisierbarer Alternativen in allen (disziplinüberschreitenden) Bereichen verstärkt aktiv zu werden. Zwei Punkte müssen dabei besonders beachtet werden: Erstens ist jeder Vorschlag einer technischen Lösung in ein ökonomisch-politisches Umfeld eingebunden, das zu seiner Realisierung jedenfalls mit berücksichtigt (eventuell simuliert) werden muss. Zweitens sind Vorschläge zu dieser Thematik tendenziell auf globaler oder zumindest europäischer Ebene anzusiedeln – Internationalität in Betrachtungsweise und Forschungskooperation ist daher Pflicht. Unter Beachtung dieser beiden Punkte kann die Klimakonferenz als kleiner aber wichtiger Anschub für einige Bemühungen an der TU Wien gesehen werden. Kein Grund zu Euphorie oder Enttäuschung, nur ein kleiner erster Schritt.“

Rückfragehinweis (Allgemein):
DI Dr. Gudrun Weinwurm
Technische Universität Wien
Koordinatorin des Forschungsschwerpunktes Energie und Umwelt
Forschungszentrum für Energie und Umwelt
Karlsplatz 13/006, 1040 Wien
T: +43 (1) 58801 - 40123
gudrun.weinwurm@tuwien.ac.at
http://energiewelten.tuwien.ac.at

Rückfragehinweise (WissenschafterInnen):
Alle Kontaktinformationen zu den genannten ExpertInnen finden Sie unter:
http://energiewelten.tuwien.ac.at/index.php?id=9980

Aussender:

TU Wien - Büro für Öffentlichkeitsarbeit
Bettina Neunteufl, MAS
Operngasse 11/E011
A-1040 Wien
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