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2013-01-18 [

Florian Aigner

 | Büro für Öffentlichkeitsarbeit ]

Hinter uns die Sintflut

Werden Hochwasserkatastrophen häufiger? Aufgrund von Medienberichten könnte man diesen Eindruck bekommen – doch die Sache ist komplizierter, erklärt Hochwasserforscher Prof. Günter Blöschl.

Hochwasser im August 2005 in Kappl-Nederle im Paznauntal [1]

Prof. Günter Blöschl

Man könnte meinen, 2012 sei ein Hochwasser-Rekordjahr gewesen: Wir erinnern uns an Bilder von Hochwasserkatastrophen aus China, Nigeria und Großbritannien, der Hurrican Sandy überschattete sogar die US-Präsidentschaftswahl. Prof. Günter Blöschl, Vorstand des Instituts für Wasserbau und Ingenieurhydrologie, warnt allerdings davor, allzu einfache Schlüsse daraus zu ziehen. Hochwasserphänomene sind komplex und lassen sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Wasserbauliche Maßnahmen können genauso ausschlaggebend sein wie Wetter- und Klimaphänomene.

Webtipp: Einen ausführlichen Artikel von Günter Blöschl über Hochwasser und seine Ursachen können Sie auf science-blog.at nachlesen.

Überflutete Küsten

Besonders wenn es um Klima-Diskussionen geht, stehen Küsten-Hochwässer im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Klimaerwärmung lässt die Meeresspiegel steigen – wegen abschmelzender Gletscher, hauptsächlich allerdings aufgrund der Wärmeausdehnung des Meerwassers. Durchschnittlich drei Millimeter Meeresanstieg pro Jahr wurden in den letzten Jahrzehnten gemessen. In manchen Küstengebieten gibt es noch einen weiteren, viel bedeutenderen Grund für erhöhte Hochwassergefahr: „Wird an der Küste Grundwasser entnommen, etwa für die Trinkwasserversorgung, kommt es bei bestimmten Untergrundverhältnissen zu Landsenkungen“, erklärt Günter Blöschl. In Jakarta sinkt das Land um 1 bis 15 cm pro Jahr – ein Effekt, der deutlich größere Auswirkungen hat als der Meeresspiegelanstieg.

Vom Fluss in die Straßen und Keller

Doch auch in Österreich, weit weg vom Meer, richten Hochwasserkatastrophen große Schäden an. Früher waren sie oft auf einen sogenannten Eisstoß zurückzuführen: Eisschollen blockieren im Frühling das nachströmende Wasser und stauen den Fluss auf. Durch höhere Lufttemperaturen und Flusskraftwerke ist diese Gefahr heute allerdings gering. „Heute gibt es drei wichtige Faktoren, die für Hochwasser verantwortlich sind“, erklärt Blöschl. „Wasserbauliche Maßnahmen wie Flussbegradigungen oder Dämme, Landnutzung, die den Boden kompakter macht, sodass er weniger Wasser aufnehmen kann, und nicht zuletzt auch das Klima.“

Ist das Klima schuld?

Die Auswirkungen des Klimas auf Naturkatastrophen ist nicht einfach zu verstehen. Während in der wissenschaftlichen Community heute die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung und der damit verbundene Meeresanstieg als allgemein anerkannt gilt, herrscht immer noch Uneinigkeit darüber, wie sich das genau auf Naturkatastrophen auswirken kann. „Wenn man sich die Aufzeichnungen seit dem 19. Jahrhundert ansieht, stellt man fest, dass es immer hochwasserarme und hochwasserreiche Perioden gab“, sagt Günter Blöschl. „Diese natürliche Variabilität und die Auswirkungen des Klimawandels sind schwer voneinander zu trennen.“

„An manchen Orten, etwa bei Küstenabsenkungen, ist die Sache klar – doch in anderen Fällen ist die Rolle des Menschen noch nicht abschließend geklärt, etwa bei Sturzfluten durch Starkniederschläge“, sagt Prof. Blöschl. Fest steht jedenfalls: Der durch Hochwasser entstehende finanzielle Schaden steigt, weil heute größere Sachwerte betroffen sind als in früheren Jahren. Andererseits haben wir heute auch viel bessere Strategien, Hochwasserschäden zu verhindern. Die Wissenschaft versteht das Hochwasserrisiko heute viel besser, das hat auch zu einem Umdenken in der Wasserwirtschaft geführt.


Prof. Blöschl wurde mit einem ERC-Grant für Hochwasserforschung ausgezeichnet und leitet das Doktoratskolleg „Water Resource Systems“. Mit seinem Team arbeitet er daran, Hochwasser besser zu verstehen und wasserwirtschaftliche Maßnahmen zum Schutz vor ihnen zu entwickeln.

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Hintergrund zum ERC-Grant von Prof. Blöschl


[1] Foto: ASI / Land Tirol /BH Landeck