Technische Universität Wien
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2016-08-31 [

Hans J. Stetter

 | Institut für Analysis und Scientific Computing ]

Christoph Überhuber 1946-2016

Die TU Wien trauert um Prof. Christoph Überhuber, der im 70. Lebensjahr völlig unerwartet verstorben ist.

Christoph Überhuber

Zwei Monate vor seinem 70. Geburtstag, in der Nacht von 25. auf 26. August, ist völlig unerwartet Christoph Überhuber gestorben. Dank seiner erfolgreich genutzten Begabung für Forschung, Lehre und Kunst war er bis zuletzt eine ungewöhnliche Persönlichkeit an der TU Wien. Sein Tod hinterlässt eine Lücke nicht nur an seinem früheren Heimatinstitut, sondern auch im Erscheinungsbild unserer Universität und in Künstlerkreisen.

1973 war Christoph Überhuber einer der ersten Absolvent_innen des mit der Berufung von Hans J. Stetter aus München und der Inbetriebnahme einer Rechenanlage IBM 7040 - lange der leistungsstärkste Computer Österreichs - potent gestützten neuen Studienzweiges "Numerik" im Diplomstudium "Technische Mathematik". Er blieb auch nach seiner Diplomarbeit am seinerzeitigen "Institut für Numerische Mathematik" und erledigte die nächsten Schritte zu einer wissenschaftlichen Karriere im Rekordtempo: Doktorat 1976, Habilitation 1979; die Ernennung zum außerordentlichen Professor erfolgte 1998.

Als habilitierter Assistent mit der üblichen Beteiligung an den Lehraufgaben des Instituts begann Überhuber in seiner Forschung schon bald eigene Wege in Richtung des sich rasant entwickelnden "Scientific Computing" zu gehen. Er erkannte, dass die zunehmende Diversifikation der Rechnerarchitekturen vom PC bis zu einzelnen Supercomputern eine sorgfältige Anpassung der numerischen Algorithmen an die benützte Architektur verlangte, womöglich automatisch generiert. Mit einer Gruppe interessierter Studierender entwickelte er dazu nicht nur wegweisende Ideen, sondern realisierte sie in hocheffizienten Algorithmen. In Zusammenarbeit mit Gruppen in Pittsburgh und bei IBM-NY konstruierte er einen Fourieranalyse-Algorithmus, der sich am Großrechner Big Blue der IBM als weltweit effizientester erwies und mit dem Gordon Bell Prize ausgezeichnet wurde.

Bei der Organisation und Betreuung seiner jungen Mitarbeiter_innen bewährte sich sein pädagogisches Geschick, nicht wenigen von ihnen wurde die Arbeit mit ihm zur Basis ihrer Karriere. Vor allem in den Jahren nach 2000 veröffentlichte er eine Reihe von knappen aber praktischen Lehrbüchern auf damals hochaktuellem Stand. Dass er neben seiner Teilnahme am Spezialforschungsbereich Aurora vom FWF immer wieder durch Projektförderungen unterstützt wurde, versteht sich von selbst.

Fast überraschend zog er sich mit seiner Pensionierung weitgehend aus Forschung und Lehre zurück. Tatsächlich hatte er schon Jahre zuvor begonnen, seine künstlerischen Interessen zu verfolgen und auszubauen. Die digitale Bildgenerierung bis zur digitalen Photographie erlaubte ihm Versuche expressiver Darstellungen von Gedanken und Gefühlen, deren Ergebnisse er in Vernissagen und Ausstellungen zur Schau und Diskussion stellte.

Er besuchte auch Lehrgänge an künstlerischen Sommerakademien und hielt Lehrveranstaltungen zu "Kunst und Computer" für Studierende der TU und der Akademie für Angewandte Kunst. Vor ein paar Jahren fand er mit seiner Idee einer Revitalisierung der barocken "Kunst- und Wunderkammern" Resonanz im Rektorat der TU Wien. Als Kurator eines Gremiums gestaltete er 2014 maßgeblich die erste "Wunderkammer", mit überraschenden bis aufregenden, großen und kleinen, einfachen und hochkomplizierten von TU-Mitarbeiter_innen und Künstler_innen erzeugten technischen Wunder- und Kunstwerken. Die Ausstellung war öffentlich zugänglich und zeigte mit großer Medienresonanz ein unkonventionelles Gesicht der TU. Eine Neuauflage der Wunderkammer durfte zum 200-Jahr Jubiläum 2015 natürlich nicht fehlen. Für September 2016 plante Christoph Überhuber das durch ihn kuratierte Nachfolgeformat DIALOG 2016 (www.dialog2016.at).  

Nun fehlt er als Kreativer und Erklärer wie wir ihn kannten und schätzten. Die Lücke, die er hinterlässt, wird nicht zu schließen sein. Das Projektteam hat daher entschieden, die für 14. bis 20. September 2016 geplante Ausstellung DIALOG 2016 sowie die beiden Begleitveranstaltungen am 17. und 19. September nicht durchzuführen. In ehrenvollem Gedenken an unseren lieben Kollegen und Freund, ist daran gedacht die Ausstellung zu verschieben – als würdiges und hochrelevantes Erinnerungsmal zu seinem 70. Geburtstag und zu seiner Bedeutung für die TU Wien.


Die Trauerfeier findet am 24.09. um 11:00 in der Feuerhalle Simmering statt.

Zum Nachlesen: "Ich bin ein zutiefst positiver Mensch" - ein Portrait aus dem Jahr 2011