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2016-10-17 [

Sabine T. Köszegi

 | Institut für Managementwissenschaften ]

Auszeichnung für Dissertation "Der ideale Student"

Am 14. Oktober 2016 wurde TU-Absolventin Elisabeth Anna Günther mit dem Dissertationspreis des Österreichischen Vereins zur Förderung der betriebswissenschaftlichen Forschung und Ausbildung ausgezeichnet. Überreicht wurde der Preis von DI Reinhard Hutter, Präsident des Österreichischen Vereins zur Förderung der betriebswissenschaftlichen Forschung und Ausbildung (VBW).

Sabine T. Köszegi, Reinhard Hutter, Elisabeth A. Günther

Die TU Wien galt jahrzehntelang als undurchdringbare Männerbastion. Vordergründig in den Ingenieurwissenschaften nimmt das Umfeld das Wachstum des Frauenanteils unter Studierenden und Wissenschaftler_innen mit geradezu lähmender Langsamkeit wahr. Die Perspektive ist jedoch optimistisch, denn die TU Wien setzt mehrere wirkungsvolle, strategisch verankerte Maßnahmen um das Wachstum zu beschleunigen.

Die Dissertation von Dr. Günther, mit dem Titel "The ideal student. Intersectional interferences in teaching STEM at universities." setzt sich mit oft unsichtbaren, aber wirkungsvollen Barrieren für Techniker_innen auseinander. "Gerade in Zeiten der Digitalisierung, wo die kompetente Ausbildung von Fachkräften ein wesentlicher Faktor für wirtschaftlichen Erfolg ist, ist es wichtig zu wissen wo potentielle Stolperfallen liegen um diese entschärfen zu können“, betont Professorin Sabine T. Köszegi vom Institut für Managementwissenschaften. Sie hat die ausgezeichnete Dissertation betreut.

Der Prozess Start-TU beschäftigt sich aktuell mit genau diesen Stolperfallen. Von verbesserter Vorabinformation Studieninteressierter oder neuen Kooperationen mit Schulen über die Etablierung eines Mentoring-Programms und den Ausbau von Brückenkurse zu Studienbeginn bis zu ergänzenden MOOCs wird an diversen Stellschrauben gedreht. Ziel: Verbesserte Bedingungen für Studierende durch das Eingehen auf unterschiedliche Bedürfnisse und Lehrende durch den Ausbau didaktischer Unterstützung.

In "Der ideale Student." zeigt Dr. Günther eindrücklich, dass im Bereich Naturwissenschaften und Technik Frauen und Minderheitsangehörige, trotz ihrer Kompetenzen, ein höheres Dropout-Risiko als männliche Mehrheitsangehörige haben. So sind die Chancen auf einen erfolgreichen Studienabschluss für Männer 1,4-mal höher (bzw. für Frauen nur das 0,7fache der Chancen von Männern), selbst wenn alle andere Faktoren wie Vorbildung, Alter oder Staatsangehörigkeit gleich sind. Diese Diskrepanz ist nicht durch unterschiedliche Kompetenz erklärbar. Sozialwissenschaftlerin Günther geht den Ursachen dieser Chancenungleichheit nach, indem sie die vor-reflexiven, d.h. unbewussten, verinnerlichten Vorstellungen von Lehrenden über Studierende an einer österreichischen Universität untersucht. Im Fokus ihrer Arbeit ist daher mehr der Handlungsspielraum von Universitäten und ihren Angehörigen als der individuelle Studierende.

Innerhalb dieses Spielraums ist die TU Wien seit Jahren in vielen Bereichen aktiv. Das Online-Mentoring für Studieninteressierte und Studienbeginnerinnen, ein Seminarprogramm für Studentinnen und Wissenschaftlerinnen oder das Netzwerk genderfair sind nur einige Beispiele für erfolgreiche TU-Projekte. Auch der "Call for Professorinnen" oder der seit 2015 vergebene TU Wien Frauenpreis dokumentieren die TU-Ausrichtung.

"Ein wesentlicher Grund für die Ungleichbehandlung im Studium ist die enge Vorstellung, wie kompetente Studierende sein sollen", so Dr. Günther. "Der ideale Student" – so das Ergebnis der Dissertation – entspricht in den Vorstellungen von Lehrenden vielfach dem, wie Wissenschaftler_innen oft imaginiert werden: männlich, talentiert, leidenschaftlich für das Fach, Teil der Mehrheitsgesellschaft, vor allem aus der gehobenen, gebildeten Schicht, heterosexuell und vergeistigt. Dies schließt implizit viele kompetente Menschen aus. Gleichzeitig ist die aktuelle Lehrsituation für viele Lehrende eine große Herausforderung, wo es immer schwieriger wird die unterschiedlichen Ansprüche unter einen Hut zu bekommen. Bei der Wahl zwischen der Forderung nach einem exzellenten Wissenschaftsoutput, den Ansprüchen der Industrie und Wirtschaft an Universitäten und dem Grundsatz der Gleichbehandlung bleibt letzteres in der Regel auf der Strecke.

"Eine stärkere reflexive Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen von Studierenden würde die Lehr- und Studienqualität erhöhen. Dazu bräuchte es aber auch mehr institutionelle Unterstützung, seitens der Universitäten und der Wissenschaftspolitik für Lehrende", so Elisabeth Anna Günther als Resümee aus ihrer ausgezeichneten Dissertation. Sabine T. Köszegi ergänzt: "Es braucht einen Karriereplan für Wissenschaftler_innen, in dem auch Aspekte der Gleichbehandlung und der qualitativ-hochwertigen Lehre maßgeblich einfließen. Nur wenn diese, für Universitäten und die Gesellschaft wesentlichen Aufgaben auch karrierefördernd für Wissenschaftler_innen sind, werden diese ernst genommen.“

Kontakt und Information:
Dr. Elisabeth Anna Günther: contact@elisabeth-anna-guenther.eu 
Prof. Sabine T. Köszegi: sabine.koeszegi@tuwien.ac.at
  

Bild: © privat