Technische Universität Wien
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2017-10-27 [

Florian Aigner

 | Büro für Öffentlichkeitsarbeit ]

Lehm: Ein Baumaterial mit Zukunft

Das Gute kann so einfach sein: Lehm ist – richtig eingesetzt – ein Baumaterial mit ausgezeichneten Eigenschaften. Anfang November findet nun die erste österreichische Lehmbautagung statt.

Traditioneller Lehmbau in Österreich: Presshaus aus Lehmziegeln, Niedersulz [1]

Bau einer Schule in Ghana - in Kooperation mit der TU Wien [2]

Lehmskulptur - entstanden beim TU-Lehmbauseminar [1]

Vernetzungs-Workshop zum Thema Lehmbau

Wer Lehmbau für ein veraltetes Überbleibsel vergangener Tage hält, liegt falsch. Das Interesse an Lehm als Baumaterial steigt heute stark an. Mit der richtigen Technik kann man aus Lehm Bauwerke mit guten Dämmeigenschaften und hervorragendem Raumklima schaffen. Auch an der TU Wien werden die dafür nötigen Erkenntnisse erarbeitet. Am 3. und 4. November 2017 findet nun erstmals in Österreich ein Vernetzungs-Workshop zum Thema Lehmbau statt.

Gleich zwei Institute der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien beschäftigen sich heute mit Lehmbau: Prof. Karin Stieldorf vom Institut für Architektur und Entwerfen untersucht bauphysikalische Aspekte des Lehms, Prof. Andrea Rieger-Jandl vom Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege ist vor allem an kulturellen und historischen Aspekten des Lehmbaus interessiert.

Lehmbau hier und anderswo
„Wir haben Projekte in Regionen durchgeführt, in denen die Rahmenbedingungen für Architektur völlig anders sind als hier bei uns“, sagt Andrea Rieger-Jandl. „Etwa im Südsudan, in der Afar-Region in Äthiopien oder in Ghana.“ Materialien, die in Europa heute gerne im Bau verwendet werden, etwa Beton, Stahl oder Glas, wären dort natürlich die völlig falsche Wahl. „Man muss sich ansehen, welche Möglichkeiten man in einer Region vorfindet, und dann technische Lösungen finden, das Beste aus den vorhandenen Ressourcen herauszuholen“, sagt Rieger-Jandl – und dabei kommt man am Baumaterial Lehm kaum vorbei.

„Wir haben in unserer Beteiligung an Entwicklungsprojekten gesehen, dass vielerorts Holz für den Bau verwendet wird, obwohl Holz dort eine äußerst knappe Ressource ist, die nicht ausgebeutet werden darf“, berichtet Andrea Rieger-Jandl. „Lehm ist eine nachhaltige Alternative, die obendrein ideal temperaturausgleichend wirkt: Tagsüber ist es innen relativ kühl, die Wärme wird gespeichert und in der Nacht abgegeben.“

Der Reiz des Lehmbaus ist freilich nicht auf tropische Gegenden oder Wüstenregionen beschränkt: Auch in Österreich hat der Lehmbau große Vorteile – wie etwa die Kellergassen im Weinviertel zeigen, wo zahlreiche Kellergewölbe aus Lehm für ausgezeichnete Weinlager-Temperaturen sorgen.

Klug kombinieren: Lehm, Stroh und Holz
Zunehmend interessant wird Lehm aber auch für den Wohnbau in Österreich – vorausgesetzt man weiß, wie man ihn einsetzt: „Ein reiner Lehmbau wäre bei uns nicht empfehlenswert, weil er im Winter einfach zu wenig Wärmedämmung bieten würde“, sagt Andrea Rieger-Jandl. „Ausgezeichnete Eigenschaften hat er allerdings in Kombination mit anderen Baustoffen, wie etwa Stroh.“ Eine für Mitteleuropa passende Lösung könnte also in Holzrahmenkonstruktionen liegen, die mit lehmverkleideten Strohballen gedämmt werden. Auch mehrgeschoßige Bauten könnte man so problemlos errichten.

Der Lehm sorgt für eine sehr gleichmäßige Luftfeuchtigkeit in Bereich von etwa 50%. Außerdem hat er den großen Vorteil, leicht verfügbar zu sein und in der Herstellung kaum Energie zu benötigen.

Erste österreichische Lehmbautagung
„Wir sehen in den letzten Jahren, dass das Interesse an Lehm als Baustoff drastisch anwächst“, sagt Rieger-Jandl. „Baufirmen beschäftigen sich mit Lehm, es gibt zahlreiche Forschungsprojekte und wissenschaftliche Seminare.“ So entstand die Idee, die österreichische Lehmbau-Community stärker zu vernetzen und zusammenzubringen.

Daher findet nun am 3. und 4. November in Wien die „1. Österreichische Lehmbautagung“ statt. Ziel der Veranstaltung ist der Austausch von Wissen, Kompetenz und Erfahrung im Zusammenhang mit Lehmbau. Es geht darum, bereits Erforschtes miteinander zu teilen, zu diskutieren und voneinander zu lernen. „Gemeinsam wollen wir eine Strategie erarbeiten, um Lehmbau in Österreich zu fördern und sichtbar zu machen“, sagt Rieger-Jandl.

Näheres zur Lehmbautagung unter www.lehmbautagung.at

Fotos:
[1] Rieger-Jandl
[2] Anna Schweiger/Jaap Willemsen