Technische Universität Wien
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2005-05-24 [

K. Peter

]

Silke Bühler-Paschen - junge Physikprofessorin mit "drive"

Seit 1. Mai 2005 ist Silke Bühler-Paschen Professorin für Technische Physik an der Technischen Universität Wien. Die junge Forscherin engagierte sich jedoch schon zuvor für ihr zukünftiges Institut – jenes für Festkörperphysik.

Den Ausschlag für die Bewerbung hat für Silke Bühler-Paschen "die Möglichkeit gegeben, an der TU Wien ein hochaktuelles und vor allem zukunftsträchtiges Forschungsgebiet aufzubauen."

Dass das Labor zur Probenherstellung mit einer neuen Anlage zur Züchtung hochwertiger Einkristalle ausgestattet ist, daran war sie wesentlich beteiligt. Mit der neuen Anlage wird es möglich sein, die gezielte Entwicklung neuer Materialien voranzutreiben. Silke Bühler-Paschen ist eine Frau, deren Leben von der Physik bestimmt ist und die sowohl beruflich als auch privat weiß, was sie will. Ihre Zeit verbringt sie zwischen Universität, ihrem Mann - ebenfalls Physiker - und ihren drei Kindern.

Junge, abwechslungsreiche Forscherinnen-Karriere

Die gebürtige Aachenerin Silke Paschen entspricht genau dem neuen ProfessorInnentypus: jung, dynamisch, aufstrebend. Mit nicht einmal 40 Jahren hat sie bereits eine tolle Wissenschaftlerinnen-Karriere hinter sich. An der Technischen Universität Graz hat sie ihr Physik-Studium 1992 mit ausgezeichnetem Erfolg absolviert, im April 1995 promovierte sie an der ETH Lausanne.

Drei Jahre lang (1995 - 1998) war Bühler-Paschen wissenschaftliche Mitarbeiterin am Laboratorium für Festkörperphysik der ETH Zürich. Danach hat sie ihren "festkörperphysikalischen" Weg konsequent weiter beschritten, denn vor ihrer Berufung an die TU Wien forschte Silke Bühler-Paschen als wissenschaftliche Mitarbeiterin, zuletzt in C3-Stellung, am Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden. Ihre Forschungsschwerpunkte in der Festkörperphysik lagen dort auf der experimentellen Untersuchung von Kondo-Isolatoren, Clathraten und Schwere-Fermionen-Systemen mit quantenkritischem Verhalten.

Den nächsten Karriereschritt hat Silke Bühler-Paschen eigentlich nicht bewusst geplant. Die Professur an der TU Wien sollte sich - wenn auch zum damaligen Zeitpunkt noch nicht gewollt - schlussendlich als nächste Etappe in der noch jungen Forscherinnenkarriere erweisen. Den Ausschlag für die Bewerbung hat für Silke Bühler-Paschen "die Möglichkeit gegeben, an der TU Wien ein hochaktuelles und vor allem zukunftsträchtiges Forschungsgebiet aufzubauen."

Die Forschungsvisionen von Silke Bühler-Paschen

Silke Bühler-Paschen charakterisiert ihr Forschungsgebiet und die verwendete Vorgehensweise in groben Zügen folgendermaßen: "Am Anfang steht die ?zündende' Idee für ein neues Material. Dieses muss man zunächst in hochwertiger Form herstellen. Dazu wird die Einkristallzucht benötigt. Dann folgt eine genaue Analytik. Man muss sicher sein, dass man das erhalten hat, was man wollte. Schließlich wird das Material den Parametern Temperatur, Magnetfeld und Druck ausgesetzt und auf verschiedenste Eigenschaften hin vermessen - mit dem Ziel herauszufinden, wieso ein Material die Eigenschaften hat, die es hat. Oft führen die so gewonnenen Erkenntnisse zu neuen Ideen für weitere Materialien."

 

Die großen Herausforderungen in der Festkörperphysik an der TU Wien sieht Bühler-Paschen in der Entwicklung neuer, hochkomplexer Materialien, Verbindungen, die aus zwei, drei oder mehr chemischen Elementen bestehen und oft komplizierte Kristallstrukturen aufweisen. Warum sie dieses Gebiet erforscht? "Derartige komplexe Materialien werden in Zukunft für viele Anwendungen benötigt werden, zum Beispiel auf dem Gebiet der thermo-elektrischen Energieumwandlung. Das ist ein brandheißes Thema, an dem auch in den USA und Japan heftig geforscht wird. Hier geht es beispielsweise darum, konventionelle Kühlschränke dadurch zu ersetzen, dass man elektrischen Strom durch eine Kombination verschiedener Festkörper leitet, womit eine Abkühlung des Materials erzielt werden kann - ohne jegliche Art von Kühlmitteln."

Dennoch sei es momentan schwierig, für ihr Forschungsgebiet Industriepartner zu finden, denn es handle sich um so genannte "high-risk"-Forschung. Bühler-Paschen spricht im Interview von "anwendungsorientierter, aber nicht angewandter Forschung".

Neben der erhofftenAnwendbarkeit ihrer Forschungsergebnisse für die Zukunft erläutert Bühler-Paschen ihre Motivation zur Erforschung der Materie, dass "ich einen Beitrag leisten möchte, um die Grundlagenforschung 'weiterzubringen'. Dazu sind oft ausgeklügelte Experimente und hochgenaue Studien erforderlich - und eine enge Zusammenarbeit mit der Theorie." Ein gelungenes Beispiel hierfür sei ihre kürzlich in Nature erschienene Arbeit zu 'quantenkritischem Verhalten von YbRh2Si2'. "Unsere Ergebnisse lassen sich mit der Standardtheorie für Phasenübergänge nicht erklären und stellen die Theoretiker vor ein Rätsel."

Andererseits gilt für Bühler-Paschen die Grundlagenforschung aber auch als Voraussetzung für die anwendungsorientierte Forschung. "In derart komplexen Materialien ist die Anzahl der freien Parameter einfach zu groß, um empirisch arbeiten zu können. Die 'Maßschneiderung' für eine bestimmte Anwendung kann nur über ein tiefgreifendes Verständnis der physikalischen Prozesse erfolgen."

Frau Bühler-Paschen betont im Gespräch die große Bedeutung von Fachkonferenzen, die sie als unabdingbar erachtet, um sich im relevanten Forschungsgebiet stets auf dem aktuellsten Stand zu halten - und diesen mitzuprägen. "Literaturstudium und Publizieren allein ist zu wenig. Abgesehen davon, dass man sich unter Fachkollegen austauscht, wird man bei Konferenzen auch kritisiert, muss gegenüber der Community seine Ergebnisse verfechten. Das ist auch für das eigene Vorankommen sehr wichtig."

Stichwort Geld und Öffentlichkeitsarbeit

Silke Bühler-Paschen kommt im Interview auch auf die finanzielle Seite der Forschung zu sprechen. "Aus den Berufungsmitteln allein kann ich meine Forschungsvorhaben nicht realisieren. Ich sehe meine Aufgabe als Professorin auch darin, Geld einzuwerben, zum Beispiel beim FWF."

So mache es laut Frau Bühler-Paschen einen beträchtlichen Unterschied, ob man bei 100 Milli-Kelvin oder bei 10 Milli-Kelvin messen könne. "Bei dieser Art der Grundlagenforschung entscheidet sich eben alles bei tiefsten Temperaturen und da benötige ich die entsprechenden Messapparaturen." Die am Institut für Festkörperphysik bereits vorhandene Infrastruktur - Stichwort Einkristallzucht - schätzt sie indes sehr.

Hand in Hand mit ihrer Forschung und der des gesamten Instituts soll auch die Öffentlichkeitsarbeit gehen. "Mir ist es ein großes Anliegen, das gesamte Institut, das ja aus drei verschiedenen Instituten hervorgegangen ist, in der Öffentlichkeit darzustellen, damit auch die anderen wissen, wer wir sind und was wir machen. Das möchte ich in Zukunft forcieren."

Die privaten Seiten Silke Bühler-Paschens

Die Mutter dreier Kinder, zweier Töchter (drei und sechs Jahre) und eines fünf Monate jungen Sohnes, ist mit dem Physiker Dr. Paul Bühler verheiratet, der am Forschungszentrum Seibersdorf arbeitet.

Die ihr eigene Flexibilität hat mehrere Ursachen. Eine davon dürfte in der Person ihres Vaters liegen, der, bevor er Professor an der Montanuniversität Leoben wurde, berufsbedingt viel unterwegs war und seine Familie mit ihm. Bereits ihre Schulpflicht hat Silke Bühler-Paschen in Deutschland, Holland, Brasilien und Österreich absolviert. Die letzten beiden Schuljahre verbrachte sie im Bundesrealgymnasium Seebachergasse in Graz.

Silke Bühler-Paschen entstammt einem Dreimäderlhaus. Sie ist die Mittlere. Die Laufbahnen der drei Schwestern sind recht unterschiedlich verlaufen. Während eine Schwester ebenfalls ein naturwissenschaftliches Studium absolviert, jedoch keine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen hat, hat sich die Jüngste der Kunst verschrieben und Kunstgeschichte studiert. Sie arbeitet im Museum für angewandte Kunst (MAK).