Technische Universität Wien
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2005-11-11 [

G. Feichtinger

]

Tom Schelling und die Wirtschaftsmathematik an der TU Wien

(ORDYS) an der TU Wien, freuen sich darüber, dass der eher unbekannte Thomas C. Schelling gemeinsam mit Robert Aumann im Oktober 2005 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten hat. Warum, ist leicht erklärt: sie arbeiten im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojektes an von Schelling inspirierten Modellen der dynamischen Optimierung und intensivieren dadurch ihre Forschungskooperation.

Den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2005 teilten sich Robert Aumann und Thomas C. Schelling für ihre grundlegenden Arbeiten im Bereich der Spieltheorie und deren Anwendungen auf ökonomische Probleme. Gustav Feichtinger und Gernot Tragler über Schelling: "Während Aumann unter den SozialwissenschaftlerInnen und angewandten MathematikerInnen wohlbekannt ist, ist dies bei Schelling nicht in diesem Ausmaß der Fall. Dabei hatten Schellings bahnbrechende Forschungsansätze schon vor mehreren Jahrzehnten völlig neue Entwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften eingeleitet."

 

Feichtinger und Tragler begründen Schellings geringen Bekanntheitsgrad mit dessen Introvertiertheit und schildern dazu eine charakteristische Story: "Als sich unsere Gruppe vor einigen Jahren mit sozialen Interaktionen zu beschäftigen begonnen hat, haben wir versucht, mit Tom Schelling per E-mail in Kontakt zu treten - vergeblich. Bei einem Treffen mit dem damaligen IIASA-Direktor, dem wir unser Leid klagten, entgegnete dieser: 'Look, Tom is sitting just five doors away from my office'."

 

Die beiden berichten weiter, dass Schelling seit mehreren Jahren die Sommermonate abgeschieden beim International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) verbrachte, wobei er keine Kontakte suchte und auch keine Vorträge hielt. Mehrere Gespräche mit ihm erweisen sich für die Forschungsrichtung der Forschungsgruppe rund um Feichtinger und Tragler für sehr nützlich. Schelling hat ihrer Meinung nach als erster das Problem der Segregation in einem mathematischen Kontext mit mehrfachen Gleichgewichtslösungen untersucht. Konkret modellierte er 1971 die Rassentrennung, aber seine Ideen können auf beliebige soziale Gruppen mit wenig Toleranz für einander angewandt werden. Zentral für diesen Ansatz ist die Annahme, dass individuelle Entscheidungen durch das Verhalten ihrer "Nachbarn" beeinflusst werden. Schelling gab Bedingungen für derartige soziale Interaktionen an, die zu Ghettobildung führen.

 

Im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojektes am Institut für Wirtschaftsmathematik, Forschungsgruppe ORDYS, wird in diesem Sinne mit Modellen der dynamischen Optimierung beispielsweise das Problem eines sozialen Planers untersucht, der arme Familien in bestehende Nachbarschaften des Mittelklasse-Standes integrieren möchte, ohne dadurch eine "Mittelklasse-Flucht" auszulösen (Caulkins et al., 2005).

 

Wer sich intensiver mit der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur dazu beschäftigen möchte, kann dies beispielsweise mit den nachfolgend genannten Werken tun:

Caulkins J.P. - G. Feichtinger - M. Johnson - G. Tragler - Y. Yegorov (2005): Skiba thresholds in a model of controlled migration. Journal of Economic Behavior & Organisation 57, 490-508.

J.P. Caulkins, G. Feichtinger, D. Grass, M. Johnson, G. Tragler, Y. Yegorov: "Placing the poor while keeping the rich in their place", Demographic Research, Vol. 13, 1-34. Der Artikel kann auch online nachgelesen werden: www.demographic-research.org

Schelling T.C. (1971), Dynamic models of segregation. Journal of Mathematical Sociology 1, 143-186.

Schelling, T.C. (1978): Micromotives and Macrobehavior. Norton, New York.