Technische Universität Wien
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2002-03-19 [

Werner F. Sommer

 | Walter Schwaiger ]

Walter S. A. Schwaiger ist Professor für Rechnungswesen und Controlling

Für mich ist "Controlling" die Lehre der zielgerichteten Steuerung von soziotechnischen Systemen und das "Rechnungswesen" ist eine unter vielen denk- sowie gestaltbaren Abbildungen derartiger Systeme in Zahlen.

Walter Schwaiger. "Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." Das Gebet der Gelassenheit. Friedrich Christoph Oetinger (1702 - 1782), schwäbischer Theologe

Nachfolgend schildere ich Ihnen meinen bisherigen Lebenspfad unter Bezugnahme der für mich wesentlichen Stationen, Entscheidungen, Wendepunkte, Zufälligkeiten udgl. Damit möchte ich zeigen, dass der Controlling-Gedanke nicht nur auf den Unternehmensbereich begrenzt ist, sondern darüber hinaus auch im täglichen Alltag und in unzähligen anderen Bereichen zu finden ist. Des Weiteren sollte dadurch auch meine Affinität zur Systemsteuerung klar werden, welche sich in einem jahrelangen Reifeprozess entwickelte und schließlich zur tragenden Säule meiner diesbezüglichen Begeisterung und Denkweise wurde.

Am Anfang war die Fleischerei ...

Geboren wurde ich - ob zufällig oder nicht, das weiß ich nicht - in eine Tiroler Fleischerfamilie. Meine Eltern machten sich gerade auf den Sprung zur unternehmerischen Selbständigkeit und damit die ganze Sache nicht zu einfach wurde, machten sie diesen Schritt gleich mit vier Kindern. Wenn ich nicht erlebt hätte, dass ein solches Unterfangen für alle Beteiligten auch gut ausgehen kann, würde ich es mir vielleicht gar nicht vorstellen können. Ich lernte daraus, dass man Vieles erreichen kann, wenn man es sich zutraut und keine übermäßige Angst hat. Weiters wurde mir schon früh klar, dass nicht alle Menschen die Eigenschaft der Selbständigkeit besitzen. In diesem Sinne machte ich mit zwei im Schumpeter'schen Sinne dynamischen, innovativen UnternehmerInnen nicht nur aus dem Lehrbuch Bekanntschaft, sondern konnte sie vielmehr persönlich und hautnah bei ihrem Wirken erleben und beobachten.

... und dann kam das Rechnungswesen.

Meine schulische Ausbildung verlief ziemlich klassisch. Nach Besuch der Pflichtschule besuchte ich die Bundeshandelsakademie, um eine kaufmännische Aufbildung zu erfahren. In den ersten beiden Jahren kam mir das Rechnungswesen ziemlich trocken und einigermaßen komplex vor, und ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass sich dies auch einmal ändern könnte und sollte. Diese Einstellung ändert sich aber schlagartig, als wir in der dritten Klasse die Buchhaltung anhand des "RUF-Buchhaltungskasten" manuell im Durchschreibeverfahren durchführten. Da habe ich die Logik des Rechnungswesens "begriffen", und plötzlich erschien mir alles ganz klar und einfach. Ich lernte daraus, dass eigentlich alle Dinge nur solange komplex erscheinen bis man sie verstanden hat. Ein konzeptionelles Problem hatte ich allerdings mit den "Prinzipien des Rechnungswesens", welche für mich nicht plausibel waren und die ich folglich nicht akzeptieren konnte. Bei Prüfungen verhielt ich mich natürlich pragmatisch, indem ich sie gegebenenfalls reproduzierte.
Zur Beseitigung dieses Unbehagens besuchte ich die Universität. Dabei musste ich aber leider feststellen, dass dort das Rechnungswesen eigentlich gleich wie an der Handelsakademie unterrichtet wurde. Der Unterschied bestand vornehmlich in einer Anhäufung von Paragraphen, was mich aber nicht sonderlich interessierte. Bei dieser Gelegenheit lernte ich allerdings das universitäre System zu schätzen, da es mir den nötigen Freiraum zur Verfolgung meiner eigenen Interessen gab. Auf die Universität ging ich folglich sehr gerne, was auf meine Schulzeit sicherlich nicht zutraf.


Meine Bekanntschaft mit der Theorie...

An der Universität machte ich sodann Bekanntschaft mit diversen neuen Denkweisen. Besonders prägend waren dabei die Fächer "Soziologie", "Statistik" und die "Strategischen Unternehmensführung". Durch die Soziologie und Statistik kam ich das erste Mal unmittelbar mit Theorien in Berührung. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich noch gerne an meine erste Statistikstunde, als das Konzept der „Zufallsvariable“ als „meßbare Funktion auf den Wahrscheinlichkeitsraum“ vorgestellt wurde. Da habe ich gemerkt, dass es neben der mir bislang bekannten Praxis noch etwas gibt, was ich nicht kannte und was ich mir fortan unbedingt aneignen wollte. Die "Strategie" war ein weiteres zentrales Konzept, welches in den Worten von Moltke als die „Verfolgung einer zentralen Idee unter sich laufend ändernden Umweltbedingungen“ eingeführt wurde.
Trotz dieser neuen und durchaus anregenden Bekanntschaft mit der Theorie fühlte ich mich immer noch der Praxis verpflichtet. So übte ich neben dem Studien auch noch verschiedene praktische Tätigkeiten aus: Während meiner Bundesheerzeit wurde ich auch zum Soldatensprecher gewählt, an der Universität engagierte ich mich als Vorsitzender der Studienrichtung Betriebswirtschaftslehre für die studentischen Anliegen, im Fleischergewerbe half ich meinem Vater bei seiner Nebenbeschäftigung als Berufschullehrer, mit ihm führte ich den Unterstützungsverein der Tiroler Fleischer und schließlich legte ich über den zweiten Bildungsweg noch die Lehrabschlussprüfung für Fleischer ab.


... führte mich weg aus Europa...

Die Situation änderte sich wiederum schlagartig als ich Assistent am neu eingerichteten Institut für Betriebliche Finanzwirtschaft wurde. Dort machte ich Bekanntschaft mit der „Portfolioltheorie“ und mit Menschen, die mir sehr behilflich waren, die verschiedenen Theorien zu integrieren. Gleichzeitig vermittelten sie mir auch noch eine gewisse Distanz zu den Theorien, sodass ich sie nicht mehr der Praxis diametral entgegengesetzt, sondern vielmehr mit ihr vereint sehen konnte. Das gedankliche „Begreifen“ der Theorien als Konstruktionen wurde mir erstmals so richtig bewusst, als ich auf der Suche nach einem Verständnis für die Integralrechnung zur Einsicht gelangt, dass es nicht nur eine solche Rechnung, sondern derer gleich viele gibt. Von besonderem Interesse waren dann die „stochastischen Integrale“, welche mir anfänglich wiederum ziemlich komplex erschienen. In sie investierte ich viel Zeit, da ich mit ihnen das Strategieverständnis nach Moltke stochastisch fundieren wollte und schließlich auch konnte.
Nachdem das Theorieverständnis geschaffen war, zog es mich in die USA. Angespornt durch die fachlichen Beiträge von amerikanischen Autoren wollte ich diese und ihr Land kennenlernen. Anfänglich durchlebte ich einen wahren Kulturschock, da ich feststellen musste, dass die amerikanische Kultur mit meinen mentalen Wurzeln nicht vereinbar war. Anstatt zu verzweifeln ging ich aber wiederum pragmatisch vor, indem ich mir eine amerikanische Denkweise aneignete und sodann auch lebte. Nach meiner Rückkehr aus den USA hatte ich aber einen Kulturschock in die andere Richtung, welchen ich wiederum durch Anpassung abbaute.


... und sodann zu einer Controlling-Theorie

Neben den kulturellen Eindrücken erhielt ich in den USA auch die gewünschten und gesuchten Einblicke in die „Intertemporale Finanztheorie“ sowie das Fach „Stochastic Calculus“. Prägend war auch die strikte finanzwirtschaftliche Orientierung am (zukunftsgerichteten) "Cash Flow". Die Kombination dieser Teilaspekte fand ich schließlich in der "Stochastischen Steuerungstheorie". Diese Theorie bildete sodann mein kanonisches Fundament zur Betrachtung und Steuerung von dynamischen Systemen. Im Rahmen meiner Dissertation benützte ich es in der zeitdiskreten Form zur Entwicklung einer Bewertungstheorie, welche die empirisch vorgefundenen stochastischen Abhängigkeiten in den Aktienkurszeitreihen erklärte. In meiner Habilitationsschrift verwendete ich die zeitstetige Variante zur Modellierung der „Finanzwirtschaftlich fundierten Unternehmenssteuerung“. Dabei handelt es sich um einen Steuerungsrahmen, in welchem sowohl die spekulativen als auch die reinen Risiken innerhalb von organisatorisch strukturierten Unternehmen über Verlustpotenziale gemessen und schließlich mit dem Erfolg in Beziehung gesetzt werden.
Angekommen auf dieser doch recht abstrakten Ebene stellte sich mir die Frage der praktischen Umsetzbarkeit bzw. des praktischen Nutzens dieses theoretischen Modellrahmens. Ich löste die aufgekommene Frage umgehend indem ich den Modellrahmen - vorerst einmal für den Bankensektor - praktikabel ausgestaltete. Dabei musste ich insbesondere aus rechentechnischen Beschränkungen so manche Abstriche, das heißt Vereinfachungen in Kauf nehmen. Das stört mich aber überhaupt nicht, sondern eher im Gegenteil - ich freue mich schon auf die Zeiten, in denen die Rechner noch schneller sind, da dann auch die allgemeineren Konzepte praktisch umsetzbar werden.
Außerhalb des Bankensektors stieg in den letzten Jahren das Interesse an der finanzwirtschaftlich basierten Unternehmenssteuerung ebenfalls stark an, was mich natürlich ebenfalls freute. Standen früher die traditionellen Controlling-Instrumente rund um die Kostenrechnung im Vordergrund, so zentrieren sich neuerdings die wissenschaftlichen Abhandlungen und praktischen Implementierungen vornehmlich um den Shareholder bzw. dem Stakeholder Value. Das traditionelle (operative) Controlling wurde um das moderne (strategische) Controlling erweitert. Mit der stochastischen Steuerungstheorie als Fundament zeigt sich diese Erweiterung als eine logische Verbreiterung der Perspektive: Die kurzsichtige (myopische) Sichtweise wird sozusagen durch die Verschreibung einer Lesehilfe korrigiert, um eine umfassende Betrachtungsweise zu erhalten, welche nicht nur intertemporal, sondern auch mehrdimensional wirkt. Seit etwa Mitte der 90er Jahre wird die praktische Umsetzung dieser umfassenden Perspektive auch als "Balanced Score Card" bezeichnet. Sie dient in der Controlling- bzw. Unternehmensführungssprache zur Umsetzung der "Strategien" in konforme Handlungen, das heißt "to put strategy into action".


Rechnungswesen und Controlling an der TU Wien

Betrachtet man meinen soeben geschilderten Entwicklungsprozess aus der Controlling-Perspektive so zeigen sich deutlich die zu verschiedenen Zeitpunkte getroffenen Entscheidungen bzw. Handlungen, welche den jeweiligen Möglichkeitenraum veränderten und somit auf meine realisierte Lebensentwicklung Einfluss nahmen. In diesem Sinne habe ich Ihnen die von mir praktizierte Ausgestaltung meines stochastischen Steuerungproblems vorgestellt.
Die Vermittlung und das Begreifen eines solchen Steuerungsrahmens, welcher die Controlling-Praxis vor dem Hintergrund einer auf der Steuerungstheorie basierenden Controlling-Theorie betrachtet, das steht im Mittelpunkt meiner an der TU Wien anstehenden Lehr- und Forschungstätigkeit. Zu diesem Zwecke sind den StudentInnen nicht nur die verschiedenen Unternehmensabbildungen – in Form des in- und externen Rechnungswesen – sowie Steuerungskonzepte zu vermitteln, sondern darüber hinaus gilt es ihnen auch noch bei der Aneignung der vielleicht zentralsten Fähigkeiten für das Controlling behilflich zu sein, welche der Theologe Friedrich Christoph Oetinger sehr trefflich auf den Punkt brachte: "Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."