Technische Universität Wien
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2010-01-28 [

Georg Steinhauser

]

Zehntausendster Betriebstag des Forschungsreaktors am Atominstitut

Kann ein wissenschaftliches Gerät nach 50.000 Betriebsstunden noch so zuverlässig funktionieren wie am ersten Tag? Es kann – wie der Forschungsreaktor des Atominstituts der TU Wien unter Beweis stellt. Nach seiner ersten Inbetriebnahme am 7. März 1962 feiert der Reaktor heute seinen 10.000sten Betriebstag. Ein erstaunliches Jubiläum im angeblich „atomfreien“ Österreich.

Tscherenkov-Leuchten des Reaktors, damals wie heute (Copyright: TEAMniel)

Die Reaktor-Rohbauphase

Vor der ersten Inbetriebnahme

Experimente rund um den Reaktor - 2010

Vorsicht! Frisch gestrichen - 2010

Seit 48 Jahren ist der Reaktor das Herzstück des Atominstituts – sowohl was Forschung als auch Lehre betrifft. 3357 wissenschaftliche Publikationen, 622 Diplomarbeiten und 366 Dissertationen seit 1962 sprechen für sich. Die reaktornahen Forschungsbereiche zählen nach wie vor zu den produktivsten und innovativsten der Fakultät für Physik. Die eingeworbenen Drittmittel dieser Bereiche betrugen allein in den vergangenen 10 Jahren rund € 15 Mio.

Der „Praterreaktor“ dient ausschließlich Forschungszwecken. Als besonderes wissenschaftliches Highlight sei an dieser Stelle der erstmalige Nachweis der Neutroneninterferometrie durch Helmut Rauch im Jahr 1974 genannt. Mit der Berufung von Hartmut Abele wurden die Weichen für die Zukunft gestellt. Seine Arbeitsgebiete illustrieren die Bedeutung des Reaktors für die österreichische Forschungslandschaft: Im Fokus stehen Fragen aus der Teilchenphysik, die sich mit neuen physikalischen Modellen jenseits des Standardmodells befassen, insbesondere mit der Frage nach der Vereinheitlichung aller Kräfte kurz nach dem Urknall bei höchsten Energien. Diese große Vereinheitlichung ist nicht Teil des Standardmodells und neue Symmetriekonzepte müssen mit Hilfe von Experimente mit „kalten“ und „ultrakalten“ Neutronen gefunden werden. Die Messungen mit ultrakalten Neutronen erlauben es, Newtons Gravitationsgesetz mit Quanteninterferenzmethoden zu überprüfen. Die uns wohlbekannte, alltägliche Kraft rückt ins Zentrum eines Forschungsprojekts, in dem Fragen zur dunklen Materie und dunklen Energie behandelt werden.

In der Lehre ist der Reaktor ein Magnet für Studierende, die Jahr für Jahr das „Reaktorpraktikum“ stürmen. Hier lernen sie die Grundbegriffe der Reaktorphysik „am Objekt“. Wer möchte denn nicht von sich behaupten können: „Ich habe heute einen Kernreaktor gestartet.“ Das hohe Niveau der Lehre am Atominstitut ist sogar ein international geschätztes Exportgut. Die Internationale Atomenergiebehörde lässt am Atominstitut seit vielen Jahren angehende UN-Waffeninspektoren (125 seit 1992) ausbilden. Slowakisches und belgisches Reaktorpersonal erhalten hier ihre Trainingseinheiten genauso wie Studierende der University of Manchester oder Atom-U-Boot-Offiziere der Royal Navy, die für Kurse nach Wien geflogen werden.

Wie kaum eine andere wissenschaftliche Einrichtung Österreichs zieht der Reaktor auch externe BesucherInnen in seinen Bann. In rund 200 Führungen – hauptsächlich für Schulklassen – erhalten jährlich etwa 4000 InteressentInnen Einblick in die Funktionsweise des Reaktors und die Forschungsgebiete der angeschlossenen Arbeitsbereiche. Auch der Verfasser dieser Zeilen hat seine ersten Schritte durchs Atominstitut bei einer Führung im Jahr 1996 genossen. Eine häufige Frage der BesucherInnen ist der Sicherheitsaspekt des Reaktors: Der Reaktor ist von seiner Auslegung her inhärent sicher. Das bedeutet, dass er nur im niedrigen Temperaturbereich betrieben werden kann und bei hohen Temperaturen schlichtweg nicht funktioniert. Eine unkontrollierbare Leistungsexkursion schließt sich somit sogar im Sabotagefall von alleine aus. In der Tat läuft der Reaktor auch seit 48 Jahren vollkommen unfallfrei.

Der Reaktor wird derzeit von zwei Operateuren sowie zwei Wissenschaftern betreut. Ein besonderer Segen dabei ist, dass man jederzeit auf die Expertise des pensionierten Betriebsleiters, Helmuth Böck, zurückgreifen kann. Bei der Aufstellung der Mannschaft wurde Sorge getragen, dass alle Weltanschauungen vertreten sind: Reaktorbetriebsleiter Mario Villa ist Physiker und Rapid-Anhänger, sein Stellvertreter Georg Steinhauser ist Chemiker und Austrianer. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist dieses eingespielte Team auf dem besten Weg zum 20.000sten Betriebstag.