Technische Universität Wien
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Plangerechtes Bauen ohne technische Hilfsmittel

Die drei Vorträge mit anschließender Diskussion erörtern zum Thema "Plangerechtes Bauen ohne technische Hilfsmittel" in pre-moderner Zeit bauliche und technische Konzepte und beschäftigen sich mit Möglichkeiten der Rekonstruktion von Bauabläufen und mit Methoden der Bauforschung.

Moderation: Hubert Feiglstorfer
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Vortragende und Vortragsthemen:

18:00 bis 18:30 Dr. FRANZ PERSCHL: Bauforscher, Ausbildung zum Maurer
Leitkonzept: "Plangerechtes Bauen ohne technische Hilfsmittel"

18:30 bis 19:15 DI. JOHANNES WOLENSKY: Bauforscher, TU Wien
Versuche zur Planrekonstruktion und Baumodulmaßermittlung an mittelalterlichen Kirchen in Niederösterreich

PAUSE

19:30 bis 20:15 Dr. WOLFGANG LOBISSER: Archäologe, Universität Wien
Zur Planung und zum Aufbau von prähistorischen Hausmodellen mit Methoden der Experimentellen Archäologie: Ein neuer hallstattzeitlicher Großbau in Mitterkirchen
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FRANZ PERSCHL: Leitkonzept: Plangerechtes Bauen ohne Hilfsmittel

Bereits im Neolithikum entstanden in Mesopotamien und im Vorderen Orient Sozialstrukturen als Basis für Organisation und Betrieb von Großbaustellen: Sakralkönige ließen von ihren Baumeistern Tempel, Paläste und ganze Städte errichten. Die Bauleute beherrschten ihr Handwerk virtuos, auch Primzahlen mindestens bis 5 waren geläufig. Sakralbauten als Manifestation eines kosmischen Planes mussten exakt (plangerecht) gebaut werden, sollte das Bauwerk seiner Funktion gerecht werden: Die Form hatte dem Inhalt zu entsprechen.
Bis zur Erfindung moderner Messinstrumente standen für die Vertikale das Senklot, für die Horizontale der Wasserspiegel und die Lotwaage und zum Ausstecken Pflock und Schnur zur Verfügung. Zur Übertragung der Längen aus dem Plan auf die Baustelle musste der Baumeister auf die Kompetenzen seiner Bauleute Rücksicht nehmen. Baupläne mussten in ganze Modulmaßeinheiten zerlegt und das Modulmaß auf der Baustelle als Naturmaß 1:1 aufgebracht werden, das wiederum vervielfacht durch Primzahlen die Dimension des Bauwerks plangerecht ergab. Die Arbeitskräfte konnten sich vom Modulmaß Lehren machen, wobei zumindest der halbe Messstrich stehen bleiben musste. Die Lehren und damit das Baumaß waren größer als das Planmaß anzusetzen, ein Umstand, der bei der Planrekonstruktion zu berücksichtigen war. Beispielsweise die Zerlegung der Baudimensionen durch Primzahlen ist ein wesentliches Hilfsmittel zur Ermittlung des Modulmaßes.

BIO:
Geboren 1933, mit 14 Jahren traditionell zum Maurer ausgebildet, humanistische Matura, Jusstudium, 1961-1993 Richter am LG Krems, ab 1973 Renovierungsarbeiten auf der eigenen Wohnbaustelle, danach Konzentration auf die Disziplin der Bauforschung in der Umgebung seiner Heimat an historischen Bauwerken ab den römischen Limesbauten bis zum Barock. Einer seiner Schwerpunkte ist die Rekonstruktion von Baumodulmaßen und Planrekonstruktionen an christlichen Sakralbauten durch die Rekonstruktion des Patroziniums anhand der Orientierung der Längsachse auf den Sonnenaufgang zum Kirchweihfest auf Basis des Karolingischen Reichskalenders. Seine Forschungsergebnisse wurden 2004 bei der Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Mittelalterarchäologie (ÖGM) in Wien und 2007 beim Internationalen Kongress für historische Metrologie Ordo et Mensura X in Trier vorgestellt. Seither intensivierte sich sein wissenschaftlicher Kontakt zur experimentellen Archäologie, u.a. durch Planrekonstruktionen anhand von Pfostenlochplänen.

 

DI JOHANNES WOLENSKY: Versuche zur Planrekonstruktion und Baumodulmaßermittlung an mittelalterlichen Kirchen in Niederösterreich

Erhaltene oder dokumentierte Baupläne gotischer und romanischer Kirchen in Ostösterreich sind rar. Eine Ausnahme stellen die gotischen Planrisse der Wiener Sammlungen dar, die sich vorrangig auf prominente Bauwerke beziehen. Doch wie sieht es mit den in ganz Niederösterreich verstreuten, kleineren Kirchen aus dem 11. bis zum 14. Jahrhundert aus. Auch diesen Bauwerken wurde von ihren Erbauern große Aufmerksamkeit zuteil und nach vorliegenden Forschungsergebnissen kann davon ausgegangen werden, dass dem Bau eine präzise Planung vorangegangen war. Der Vortrag beleuchtet die Möglichkeiten der Bauplanung im Mittelalter und die Einflüsse von Baumodulmaßen auf die Gestaltung von Grundrissen kleinerer gotischer und romanischer Kirchen in Niederösterreich.

BIO:
Geboren 1988, Tätigkeit in diversen Architekturbüros, 2017 Abschluss des Architekturstudiums an der Technischen Universität-Wien, Diplomarbeit zur Bedeutung des Baumodulmaßes und der Rekonstruktion von Bauplänen in vormetrischen Zeiten, Ausstellungsteilnehmer der Archdiploma 2017, seit 2017 als Planer bei Architekt Gerhard Schmid beschäftigt.

 

DI WOLFGANG LOBISSER: Zur Planung und zum Aufbau von prähistorischen Hausmodellen mit Methoden der Experimentellen Archäologie: Ein neuer hallstattzeitlicher Großbau in Mitterkirchen

Im archäologischen Freilichtmuseum Keltendorf Mitterkirchen wurde in den Jahren 2016 und 2017 ein neuer Großbau errichtet, der im Museum multifunktional als Veranstaltungs- und Ausstellungsbereich genutzt werden kann. Der Großbau orientiert sich weitgehend an einem archäologischen Grabungsbefund von der Heuneburg in Süddeutschland, wo man einen Pfostenbau nachweisen konnte, dessen Kernbereich eine Länge von 21 m und eine Breite von 8,6 m aufwies und der auch, offenbar später hinzugefügte, seitliche Anbauten aufwies.
Das Gebäude verfügte über sieben Firstpfosten, die zusammen mit den Wänden den Dachstuhl trugen, der mit großer Wahrscheinlichkeit aus Pfetten, Rofen und Lattenhölzern bestand. Die Wände selbst waren mit Binderbalken verbunden, die auch als Auflager für einen Zwischenboden gedient haben könnten. Für die Dachdeckung selbst dürfen wir an gespaltene Schindel denken, die durch Nägel aus Holz oder aus Eisen an den Lattenhölzern befestigt waren. Die Werkzeuge der Kelten waren aus Eisen geschmiedet. Man kannte Äxte und Beile in unterschiedlichen Größen, Dechsel, Stemmbeitel, Hohleisen, Löffelbohrer, Ziehmesser und Ahlen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Sägen und Hobel bereits eine Rolle gespielt haben könnten. Weiters wurde bei der Errichtung des Gebäudes offensichtlich das Modulmaß von 18,48 cm verwendet.
Bei der Errichtung des neuen Großbaus wurden vor allem Rohmaterialien und Arbeitstechniken eingesetzt, die bereits in der Eisenzeit zur Verfügung standen. Keltische Werkzeugtypen wurden bei den Aufbauarbeiten soweit eingesetzt, dass die dabei gewonnenen wissenschaftlichen Daten seriöse Hochrechnungen zu den Originalerrichtungsbedingungen in keltischer Zeit erlauben. Alle Holzverbindungstechniken und auch alle Arbeitsspuren und Holzoberflächen entsprechen der eisenzeitlichen Handwerkskultur. Somit ist es möglich, die Errichtung eines derartigen Großbaues in keltischer Zeit aus wissenschaftlicher Sicht neu zu beurteilen, um damit ein besseres Verständnis für die Lebenswirklichkeit dieser Kultur zeichnen zu können.

BIO:
Wolfgang Lobisser verbrachte seine Kindheit in Hallstatt, Oberösterreich, wo sein Interesse für Archäologie schon in jungen Jahren geweckt wurde. Nach der Mittelschule erlernte er das Handwerk des Zupf- und Streichinstrumentenbauers und studierte Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Experimenteller Archäologie. Schwerpunkte bilden dabei die Erforschung von prähistorischen Handwerkstechniken, sowie die Rekonstruktion von Holzarchitektur der Stein- Bronze- und Eisenzeit, sowie des Mittelalters. Seit einigen Jahren arbeitet Wolfgang Lobisser für die interdisziplinäre Forschungsplattform VIAS der Universität Wien und ist mit der Konzeption, Planung und der Errichtung von archäologischen Freilichtmuseen betraut.
Seit etwa 20 Jahren gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich speziell mit Holztechnologie und Holzarchitektur der Ur- und Frühgeschichte beschäftigt und die seit dem Jahr 2002 auch beim Vienna Institute for Archaeological Science (VIAS), einer interdisziplinären Forschungseinrichtung der Universität Wien institutionell verankert ist. Diese Arbeitsgruppe hat sich in den letzten Jahren mit der Konzeption, der Planung und dem Aufbau von Architekturmodellen für archäologische Freilichtmuseen auseinandergesetzt und dabei mehr als vierzig Einzelobjekte aus unterschiedlichen Perioden der Vergangenheit von der Steinzeit bis ins frühe Mittelalter im Sinne der Experimentellen Archäologie errichtet. Darüber hinaus wurden auch Werkzeuge, Gerätschaften und Mobiliarteile aller oben genannter Zeitstellungen nachgebaut.

Art: Symposium
Von: 14.12.2017 18:00
Bis: 14.12.2017 21:00
Ort:

HS7 - Schütte-Lihotzky Hörsaal

Veranstalter:

ÖAW & Baugeschichte Institut 251.1

Hubert Feiglstorfer, arch. Dipl.Ing. Dr.techn. Dr.nat,techn,
h.feiglstorfer@gmail.com

Dateien:
Links:

baugeschichte.tuwien.ac.at/website/symposium-plangerechtes-bauen-ohne-technische-hilfsmittel/

Öffentlich: ja
Kostenpflichtig: nein
Anmeldung: nein
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