Technische Universität Wien
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„… unter den gleichen Bedingungen wie die Männer“

90 Jahre Zulassung von Frauen zum Technikstudium in Österreich

Der Zugang zum Technikstudium für Frauen erfolgte in Österreich mit deutlicher Verzögerung. Die Öffnung der Universitäten 1897 galt zunächst nur für die philosophischen Fakultäten, seit 1900 auch für Medizin und Pharmazie. Die technischen Studien blieben Frauen weiterhin verschlossen.
Dennoch suchten bereits 1899 zwei Lehrerinnen an der Böhmischen TH in Brünn um Zulassung als sog. „Hospitantinnen“ an. Sie argumentierten erfolgreich, dass sie gegenüber Frauen in Kronländern mit Universität benachteiligt seien, da es in Mähren keine Universität gebe. Weitere Hospitantinnen folgten. An der TH in Wien konnte erstmals 1908 die Bürgerschullehrerin Mathilde Hübner Vorlesungen aus Gebäudehygiene und Volkswirtschaftslehre als Gast besuchen.

Ab 1908 mehrten sich Petitionen von Frauenverbänden, Mädchen „unter den gleichen Bedingungen wie die Männer“ zuzulassen, und Eingaben von Eltern, deren Töchter als Realschulabsolventinnen weder an Universitäten noch an THs studieren konnten. Sie alle wurden vom Unterrichtsministerium zurückgewiesen.

Nachdem ab 1907 für Lehrkräfte an höheren Handelsschulen und Mädchenlyzeen ein universitäres Fachstudium vorgeschrieben wurde, konnte 1913 immerhin erreicht werden, dass Lehramtskandidatinnen als a.o. Hörerinnen an technischen Hochschulen jene Fächer inskribieren durften, die ausschließlich dort gelehrt wurden (Darstellende Geometrie und Freihandzeichnen). Dies war wesentlich dem Einsatz von Emil Müller, Professor für Darstellende Geometrie und 1912/13 Rektor der TH in Wien, zu verdanken, dessen Tochter selbst das Lehramt anstrebte. Die Zahl der a.o. Hörerinnen blieb jedoch gering: An der Wiener Technik waren es zwischen 1913 und 1919 ganze 27 Personen.

Ansuchen, auch andere Fächer als a.o. Hörerinnen inskribieren zu dürfen, wurden von der Unterrichtsverwaltung stets „aus prinzipiellen Erwägungen“ abgelehnt. Einige Frauen wählten daher den Umweg, als Gasthörerinnen technische Vorlesungen zu besuchen, um diese Kenntnisse später bei einem Studium im Ausland zu verwerten. Dazu gehörte an der TH in Wien Leonie Pilewska, die ab 1915 als Hospitantin Maschinenbauvorlesungen belegte und 1918 zum Weiterstudium an die TH Darmstadt wechselte.

Die Einstellung der Hochschulen zum Frauenstudium war gespalten. Das Professorenkollegium der TH in Wien befasste sich erstmals 1910 mit dem Thema. Die Gegner einer Zulassung argumentierten u.a., es fehle Frauen an der „natürlichen Autorität“, um sich in Leitungspositionen zu behaupten. Die Befürworter waren der gleichen Meinung, glaubten aber, langfristig sei die Zulassung nicht zu verhindern. Zudem rechneten sie mit einer geringen Zahl von Hörerinnen, die zudem eher in Labors und technischen Hilfsberufen arbeiten würden. Die Abstimmung ergab eine hauchdünne Mehrheit von 19:18 für die „Befürworter“. Spätere Abstimmungen kamen zu einem ähnlichen Ergebnis.

Unter dem Eindruck der Erfahrungen des I. Weltkriegs sprachen sich die Hochschulen ab 1916 mehrheitlich für eine Zulassung von Frauen aus. Insbesondere die nicht-deutschsprachigen THs plädierten dafür, sowohl aus Gleichheitsgründen als auch, weil ihnen eine Tätigkeit von Frauen in technischen Berufen gut vorstellbar erschien. Die deutschsprachigen THs zeigten sich dagegen deutlich konservativer.

Nach dem Zerfall der Donaumonarchie wurden in den Nachfolgestaaten noch 1918 die THs für Frauen geöffnet. In „Deutsch-Österreich“ erfolgte dies erst unter dem sozialistischen Staatssekretär für Unterricht Otto Glöckel. Seine Verordnung vom 21. April 1919 erlaubte Frauen die ordentliche Inskription an technischen Hochschulen - freilich nur soweit, als sie den männlichen Hörern keine Studienplätze wegnähmen.

Tatsächlich blieb die Anzahl der Hörerinnen vorerst sehr gering. Im Studienjahr 1919/20 gab es an der TH in Wien ganze 65 Studentinnen, davon nur 20 ordentliche Hörerinnen (= 0,4% aller Inskribierten), 1937 waren es 40 (= 2,3%). Heute, nach 90 Jahren, sind es rd. 25% - sicher ein Fortschritt, aber immer noch mit Hindernissen.