Technische Universität Wien
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2016-05-12 [

Florian Aigner

 | Presseaussendung 27/2016 ]

Wieviel Architektur braucht man im All?

Damit Weltraumreisen gelingen können, braucht man nicht nur zuverlässige Technik, sondern auch gute Architektur. TU-Architektin Sandra Häuplik-Meusburger präsentiert ein Buch darüber.

Das neue Buch von Sandra Häuplik-Meusburger

Haltung im Weltraum und auf der Erde

Was würden wir am meisten vermissen, wenn wir uns auf eine jahrelange, beschwerliche Reise zu einem fremden Planeten machen würden? Die Schwerkraft der Erde? Die Möglichkeit, eine Runde um den Wohnblock zu laufen? Soziale Kontakte? Bei langen Weltraummissionen ist nicht nur eine verlässlich funktionierende Technik entscheidend, auch das psychische und soziale Wohlbefinden der Menschen an Bord wird zur Überlebensfrage. Daher braucht man in Raumfahrzeugen oder in künftigen Behausungen auf dem Mond oder am Mars gute, durchdachte Architektur.
 
Sandra Häuplik-Meusburger vom Institut für Architektur und Entwerfen (Abteilung Hochbau 2) der TU Wien ist Expertin für Weltraumarchitektur und das Leben in isolierten, extremen Umgebungen. Nach ihrem Buch „Architecture for Astronauts – An Human Activity based Approach“ ist im April ihr zweites Buch  „Space Architecture Education for Engineers and Architects“ erschienen, das sie gemeinsam mit Olga Bannova vom Sasakawa International Center for Space Architecture in Houston, Texas, geschrieben hat.

Mehr als nur überleben
Viel zu sehr orientiert man sich beim Planen von Weltraummissionen am absoluten Minimum, mit den fundamentalen Grundanforderungen, die das menschliche Überleben gerade noch ermöglichen: Sauerstoffversorgung, Wasser, Nahrung, technische Einrichtungen. Für die Apollo-Missionen zum Mond, die bloß einige Tage dauerten, war das ausreichend und zielführend, doch längere Weltraumreisen lassen sich so kaum überstehen. Menschen haben nun mal kompliziertere Bedürfnisse als ein Marsrover. Wie können wir ein Raumfahrzeug so gestalten, dass man sich nicht übermäßig beengt fühlt? Wie kann man für eine lebenswerte Umgebung sorgen, ohne das Volumen des Raumfahrzeugs über alle Maßen anwachsen zu lassen?

Um solche Fragen zu beantworten, ist es für Sandra Häuplik-Meusburger unerlässlich, dass Ingenieurswissenschaften, Naturwissenschaften und Architektur eng zusammenarbeiten. „Wir können die Bahn von Raumfahrzeugen mit ungeheurer Präzision vorherberechnen. Aber das menschliche Element der Mission wird leider oft nur auf lächerlich vage Weise berücksichtigt.“

Welche gefährlichen Auswirkungen das haben kann, zeigt eine von vielen Geschichten von der Raumstation ISS: „Die Lieblingsbeschäftigung der Astronauten in ihrer bisher sehr geringen Freizeit ist es, sich die Erde anzusehen“, erzählt Häuplik-Meusburger. „Als im Jahr 2004 ein Druckverlust der Internationalen Raumstation festgestellt wird, dauert es noch Tage bis herausgefunden wird, das an einem Fenster des amerikanischen Moduls Destiny ein Schlauch zur Ableitung von Kondenswasser undicht ist. Die Ursache für den kaputten Schlauch waren die Astronauten selbst, die sich ‚beim aus dem Fenster schauen‘ wiederholt an diesem Schlauch anhielten, weil keine Haltegriffe für diese Tätigkeit vorgesehen waren.

Gute Architektur bedeutet, die alltäglichen Bedürfnisse der Menschen zu verstehen und mit ihrer Umgebung abzustimmen – auf der Erde wie im Weltraum.

Privatheit und Gemeinschaft
Wichtig sind bei längeren Reisen private Rückzugsmöglichkeiten. „Das muss nicht unbedingt das eigene Schlafzimmer sein. Die Erfahrung zeigt, dass sich die Crewmitglieder ganz von selbst ihre Rückzugsorte suchen. Aber die Möglichkeit dafür muss gegeben sein.“ Genauso entscheidend ist aber auch die Förderung von Gemeinschaft. So wird etwa das gemeinsame Abendessen in der Raumstation als ganz wichtiges Element des Zusammenlebens empfunden. „Architektur ist kein Wundermittel. Man kann aber durch gebauten Raum soziale Prozesse unterstützen oder eben auch behindern.“

Nachdem nicht jeder Aspekt einer langen Reise vorhersehbar und planbar ist, muss man für Flexibilität sorgen – etwa mit Einrichtungsgegenständen, die verschiedene Zwecke erfüllen können, und die von der Crew adaptiert werden können. Besonders herausfordernd ist das, wenn man permanente Behausungen plant, die menschliches Überleben auf dem Mond oder auf dem Mars dauerhaft ermöglichen sollen. „Auch bei den heutigen Konzepten für Mars-Basen gibt es Mängel“, findet Sandra Häuplik-Meusburger. „Wenn es kostenmässig auf jeden Kubikzentimeter ankommt, dann entsteht das Bedürfnis, besonders effizient zu planen und zu bauen. Oft wird ein Gesamtkunstwerk entwickelt, dass den Nutzer ausklammert und keine Anpassungen mehr zulässt.“

Eines Tages, so glaubt Häuplik-Meusburger, wird man am Mars oder am Mond Behausungen bauen, in denen Menschen dauerhaft ein angenehmes Leben führen können. Man wird die Rohstoffe nutzen, die man dort vorfindet. So könnte man etwa das Regolith-Gestein des Mondes verwenden, um Gebäude zu errichten. Je mehr lokale Rohstoffe man nutzen kann, umso weniger Material muss man mitnehmen und umso unabhängiger ist man. Auch die 3D-Druck-Technologie soll in künftigen Weltraumbasen eine wichtige Rolle spielen.

Für Häuplik-Meusburger ist Weltraumarchitektur nicht nur ein interessantes Forschungsgebiet, sondern auch eine ausgezeichnete Möglichkeit, junge Architektinnen und Architekten auszubilden. „Durch die Auseinandersetzung mit ungewohnten,, Umgebungsbedingungen und der herausfordernden sozialen Komponente, sind die Studierenden gefordert – abseits von formalen Aspekten - sich mit Basisfragen zum Wohnen, Leben und Arbeiten zu beschäftigen. Was passiert dort? Wann und warum? Wer hat welche Bedürfnisse und was sind die räumlichen Konsequenzen? Darüberhinaus lernt man, mit Leuten aus anderen Fachgebieten zusammenzuarbeiten, und das ist ganz wichtig“, meint sie. „Es gibt hier ganz unterschiedliche Herangehensweisen an eine Entwurfsaufgabe. Ingenieure haben oft einen sehr zielgerichteten und geradlinigen Zugang. Die einzelnen Schritte können bewertet und evaluiert werden. Der Entwurfs- und Entscheidungsprozess in der Architektur ist oft iterativ, spiralförmig, vom Großen ins Kleine. In der Weltraumarchitektur braucht man beides.“

Link zum Buch

Space Architecture auf Facebook

Rückfragehinweis:
Dr. Sandra Häuplik-Meusburger
Institut für Architektur und Entwerfen
Technische Universität Wien
Karlsplatz 13, 1040 Wien
T: +43-1-58801-27026
sandra.haeuplik-meusburger@tuwien.ac.at

Aussender:

Dr. Florian Aigner
Büro für Öffentlichkeitsarbeit
Technische Universität Wien
Operngasse 11, 1040 Wien
T: +43-1-58801-41027
florian.aigner@tuwien.ac.at