Technische Universität Wien
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2017-08-07 [

Florian Aigner

 | Büro für Öffentlichkeitsarbeit ]

"Lasst uns Sophisten sein!"

Die Architekturtheoretikerin Prof. Vera Bühlmann im Portrait

Prof. Vera Bühlmann

Die Welt wird vielfältiger, komplexer und verwirrender. Das geschieht aber nicht zum ersten Mal. Für Vera Bühlmann ist es jedenfalls ein Grund, in großen Zusammenhängen zu denken: Sie ist Professorin für Architekturtheorie am Institut für Architekturwissenschaften, doch ihr Denken und Arbeiten geht weit über das hinaus, was unmittelbar mit Bauplänen, Gebäuden und Städten zu tun hat. Für sie ist ein Blick in die Mathematik genauso wichtig wie Gedanken über Philosophiegeschichte, und wenn sie über Medientheorie schreibt, findet sie dabei auch mal Ideen aus der Quantenphysik spannend.

Zeiten des Wandels
Komplizierte Phasen in der Menschheitsgeschichte gibt es immer wieder, nämlich immer dann, wenn sich eine neue Kulturtechnik etabliert, erklärt Vera Bühlmann: "Heute erleben wir so etwas mit dem Computer, im 19. Jahrhundert waren es die Fabriken, im 15. Jahrhundert der Buchdruck, im antiken Griechenland das Vokalalphabet." Diese Erkenntnis hilft uns zwar nicht unbedingt, die heutigen Entwicklungen weniger beunruhigend und bedrohlich zu finden. Aber sie zeigt uns ganz klar: "Wenn sich die Welt dramatisch verändert, ist es sinnlos, sie mit den Begriffen und Strukturen vergangener Zeiten zu beschreiben. Eine neue Kulturtechnik fügt nicht additiv noch ein neues Spezialgebiet zum bereits Bekannten mit dazu. Sondern sie verändert immer die bestehenden Ordnungsstrukturen insgesamt."

"Ob wir wollen oder nicht, wir alle sind dabei, auf einen neuen Kontinent zu migrieren – den Kontinent des Digitalen", sagt Vera Bühlmann. "Daher sollten wir auch von uns selbst das gleiche erwarten, was von Migrierenden immer wieder erwartet wird, nämlich die Sprache des neuen Landes zu lernen."

Das Problem dabei ist, dass es auf dem neuen Kontinent der digitalen Welt weder ein eigentliches Territorium noch eine autochthone Sprache gibt. "Eine Digitale Literacy entwickeln wir gerade erst seit rund 100 Jahren. Wenn wir uns darin nicht bilden wollen, so dürfen wir uns nicht wundern, zeitgenössische Entwicklungen nicht aktiv mitgestalten zu können", findet Bühlmann.

"In der digitalen Welt herrscht heute ein großes Durcheinander, wie jedes Mal in der Geschichte, wenn die Marktplätze durch eine neue Sophistik herausgefordert werden. Wir diskutieren heute, wer unsere Privatsphäre gewährleisten kann, als wäre sie kein Zivilrecht sondern ein Naturrecht – doch wir müssen uns unsere Privatsphäre immer selbst erwerben, so wie man sich auch Bildung und Wissen immer selbst erwerben muss." Der Gedanke, dass man als Individuum automatisch Schutz der eigenen Privatheit beanspruchen kann, der von höheren Instanzen geboten werden muss, ist für sie nicht zielführend: "Wer sollte uns diesen Schutz denn geben können?" Wir müssen die Spielregeln der digitalen Welt gleichzeitig erfinden und verstehen lernen – nicht eines nach dem anderen. Zu diesem Thema schreibt sie im Rahmen eines EU Forschungsprojektes, gemeinsam mit drei Kolleginnen der Universität Utrecht, des Kingston College in London, und der Maynooth Universität in Dublin, einen "Report on the Algorithmic Human Condition".

Mathematik und die Räume des Möglichen
Ähnliches gilt für Vera Bühlmann auch in vielen anderen Lebensbereichen. Um die Geschichte, Philosophie, oder auch die Möglichkeiten des Umgangs mit dem Raum in der Architektur zu verstehen, wirft sie gerne einen Blick in die Mathematik: "Die Mathematik gibt vor, was möglich ist – und damit prägt die Mathematik ihre Zeit. Gleichungen, die einfach keine Lösung hatten, wurden durch die Einführung komplexer Zahlen plötzlich lösbar. Neue Möglichkeitsräume entstehen", erklärt sie. "Ohne komplexe Zahlen gäbe es keine Quantenphysik, und ohne Quantenphysik keine digitale Medienwelt."

Oft gehen wir davon aus, dass es Probleme gibt, die eindeutig "berechenbar" sind, und andere, die vom Computer nicht bearbeitet werden können. Wenn wir heute über "Smart Cities", "Algorithmic Governance" oder "Digital Humanities" sprechen, verschwindet diese Grenze immer mehr. "Deswegen spreche ich lieber von Literacy und Sophistik in Bezug zum Digitalen, statt von Logik, Grammatik, Syntax. Wir erfinden neue Zusammenspiele von Abbilden und Hinschreiben, Rechnen und Artikulieren, Erzählen und Bilanzieren, Planen und Vorhersagen, Vermessen und Ermessen, Simulieren und Repräsentieren, die ebenso ärgerlich sind wie sie auch, auf der anderen Seite, faszinierende neue Dinge vermögen", meint Vera Bühlmann.

Als Philosophin sieht Bühlmann sich nicht unbedingt. "Vielleicht sollten wir eher Sophisten sein", meint sie. "Die Philosophie hat sich im antiken Griechenland aus der Sophistik, dem Wissen-können, heraus entwickelt. Die Sophistik hat das Wissen zu etwas gemacht, was sich nicht nur durch ererbtes Vermögen und Talent, sondern auch für wenig Geld und durch Technik erwerben lässt." Sophist war, wer als ausgewiesener Gebildeter durch das Land fuhr, Leute in den Techniken des Lernens unterrichtete, und praktischen Rat gab.

Von Zürich nach Wien

Vera Bühlmann studierte Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaft an der Universität Zürich – als Nebenfächer wählte sie Philosophie und Publizistik. "Einen dezidierten Karriereplan hatte ich damals nicht", erzählt sie. "Eigentlich war ich sicher, keine akademische Laufbahn einschlagen zu wollen." Doch es kam anders: Sie begann, an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel zu unterrichten, eher zufällig ergab sich parallel dazu ein Buchprojekt, aus dem dann eine philosophische Dissertation an der Universität Basel wurde. Nach der Promotion wechselte sie an die ETH Zürich, wo sie seit 2010 am Institut für Technik in der Architektur, Lehrstuhl für Computer Aided Architectural Design, zusammen mit Ludger Hovestadt das laboratorium für angewandte Virtualität aufgebaut und geleitet hat.

Bereits 2015 kam sie als Gastprofessorin an die TU Wien – so war es, als dann eine Professur für Architekturtheorie ausgeschrieben wurde, für sie naheliegend, sich zu bewerben. Im September 2016 wurde sie an die TU Wien berufen. Nach wie vor betreut sie das applied virtuality lab in Zürich, ist Mit-Herausgeberin der applied virtuality Buchreihe (de Gruyter), die sich dem "mathematisch-philosophischen Denken in der Architektur" widmet und leitet außerdem, gemeinsam mit Kollegen aus Zürich und Athen, die internationale Forschungsgruppe "Digitale Gnomonik: Thinking Architecture in the Digital World".

www.attp.tuwien.ac.at